Freut euch, wir sind entdeckt!

Eine umfassende und differenzierte Studie über Alleinunternehmerinnen und Soloselbstständige

Laut Statistik arbeiten in Deutschland rund 2,5 Millionen Selbstständige ohne Angestellte. Das heißt: Wir sind viele! In der Forschung kommen wir trotzdem kaum vor. Umso verdienstvoller ist es, dass eine Psychologin in ihrer Doktorarbeit die Erfolgsfaktoren für den erfolgreichen Start in die Selbstständigkeit untersucht hat. Ihr Fazit: Grundlegend für den wirtschaftlichen Erfolg ist ein „unternehmerisches Selbst“.

Die Wissenschaft entdeckt die Soloselbstständigen. Bildrechte: © Romolo Tavan - Fotolia

Das wurde aber auch Zeit: Die Wissenschaft entdeckt die Soloselbstständigen. (Bildrechte: © Romolo Tavan – Fotolia)


Was riefen die Indianer, als Kolumbus auftauchte? Richtig: “Wir sind entdeckt!” Ähnlich mag sich fühlen, wer als Soloselbstständiger die Doktorarbeit „Was unterscheidet erfolgreiche von weniger erfolgreichen Gründer/-innen?“ in die Finger bekommt. Hier hat die Diplom-Psychologin Cornelia Rövekamp 30 Gründer(innen) von Kleinstunternehmen befragt: Gewerbetreibende, FreiberuflerInnen und Soloselbstständige. Die Probanden gaben jeweils zwei Interviews: das erste vor der Gründung bis maximal sechs Monate nach der Gründung, das zweite zwei Jahre später.

Buzzword für Soloselbstständige: das “unternehmerische Selbst”

Fazit der Untersuchung: Grundlegend für den wirtschaftlichen Erfolg ist ein „unternehmerisches Selbst“. Relevant für das Gelingen einer Gründung sind außerdem Fachkompetenzen. Dagegen können Persönlichkeitsmerkmale wie Leistungsmotivation, Internale Kontrollüberzeugung, Durchsetzungsbereitschaft, Problemlösungsorientierung und Risikoneigung den (Miss-)Erfolg nicht erklären.

Was aber bedeutet Erfolg? Die Untersuchung nimmt persönliche Ziele, die mit der Existenzgründung erreicht werden sollen, als Maßstab für die Bewertung. Dabei werden materielle und immaterielle Ziele gleich gewichtet: Der Einen geht es vor allem um ein höheres Einkommen, der Andere wünscht sich eine Sinn stiftende Tätigkeit. Hier steht das Wachstum des Unternehmens im Vordergrund, dort will jemand den Lebensunterhalt unabhängig von anderen Personen oder Institutionen erwirtschaften.

Auch mal an den Kunden denken!

Interessant fand ich in erster Linie den Begriff des „unternehmerischen Selbsts“ – das kannte ich noch nicht. Die Untersuchung trifft hier einige Annahmen: So gehört zum „unternehmerischem Selbst“, dass die Soloselbstständige sich als Unternehmerin oder Freiberuflerin versteht sowie eine positive Haltung zur Selbstständigkeit und zum Unternehmertum entwickelt. Zweitens bedeutet es, das eigene Angebot unter kalkulatorischen Gesichtspunkten zu bewerten nach dem Motto: „Kann mein Angebot den notwendigen Gewinn erzielen?“ Drittens wird ein „unternehmerisches Selbst“ die Nachfrage berücksichtigen: Es nimmt Kundenwünsche wahr, statt ausschließlich persönliche Bestrebungen zu verfolgen.

Fehlt noch der wissenschaftliche Blick auf den Erfolgsfaktor Fachkompetenzen: Hier kommt die Untersuchung zu dem (naheliegenden) Schluss, dass Wissen und Können notwendig sind, um eine selbstständige Tätigkeit zur Zufriedenheit der Kundinnen und Kunden auszuführen. Dabei wirken die abgeschlossene Ausbildung, das Uni-Diplom, die Berufserfahrung und sonstige Qualifikationsnachweise doppelt. Zum Einen spricht der qualifizierte Soloselbstständige dieselbe Sprache wie der Kunde: Das Fachvokabular ist bekannt, man unterhält sich von Kollege zu Kollege. Zum anderen kann der Kunde nach einem Blick auf Zeugnisse, Zertifikate etc. erwarten, dass die Alleinunternehmerin die für den Aufträge nötigen Fachkenntnisse mitbringt. Zu den fachlichen Kompetenzen gehören außerdem betriebswirtschaftliches Know-how und sonstige unternehmerische Kenntnisse und Fertigkeiten.

Patentrezepte für Alleinunternehmerinnen? Zum Glück: Fehlanzeige.

Als einigermaßen erfahrener Alleinunternehmer zähle ich viele Aussagen der Untersuchung zum Alltagswissen: Die Vorstellung, dass man sich ohne Fach- und Branchenkenntnisse erfolgreich selbstständig machen kann, finde ich schon länger, äh, mutig. Trotzdem treffe ich immer wieder Leute, die das versuchen. Ähnlich riskant ist der Versuch, ohne Grundkenntnisse von Buchhaltung, Kalkulation und Steuerrecht zu starten. Spannender finde ich das Konzept des „unternehmerischen Selbst“. Insgesamt kann ich festhalten: Die Doktorarbeit „Was unterscheidet erfolgreiche von weniger erfolgreichen Gründer/-innen?“ ist die erste Studie, die mir begegnet ist, die sich umfassend und zugleich differenziert mit den Erfolgsfaktoren für Soloselbstständige und Alleinunternehmerinnen beschäftigt. Damit hebt Sie sich wohltuend ab von den Marktschreiern, die mir bei Xing, LinkedIn und anderswo das wöchentlich wechselnde Patentrezept des Jahrhunderts verkaufen wollen.

Aber eines würde mich noch interessieren: Hat sich die Autorin nach der Abgabe ihrer Dissertation selbstständig gemacht?

Erkennen Sie sich in der Beschreibung erfolgreicher Soloselbstständiger wieder? Fehlt ein Erfolgsfaktor? Bitte hinterlassen Sie einen Kommentar!




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